Innovage Tagung 2009, GDI Rüschlikon

Zwei Jahre nach der Gründung trafen sich die Innovage-Netzwerke aus der ganzen Schweiz im Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) zur nationalen Tagung.  Im Zentrum stand die Reflektion der bisherigen Projektarbeit, sowohl aus Sicht der Auftraggeber, als auch der involvierten Beratern und Beraterinnen. Ergänzt wurde die Tagung mit Input-Referaten von Trendforscher David Bosshart und Soziologie-Professor Peter Gross, sowie von kulturellen Aktionen und einer Ausstellung über ausgewählte Innovage-Projekte.

Über hundert Innovage-Beratende fanden am 23. Juni den Weg nach Rüschlikon, wo im hoch über dem Zürichsee gelegenen Gottlieb Duttweiler Institut die dritte Innovage-Jahrestagung stattfand. Heinz Altorfer konnte im vollen Saal dreissig neue Mitglieder, aber auch zahlreiche Ehrengäste, darunter Hedy Graber, die Leiterin der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes begrüssen. In einer Schweigeminute wurde Jean-Pierre Schnydrig gedacht, der, als Innovage-Berater der ersten Stunde, wenige Wochen zuvor leider verstorben ist.

Linus Baur, Präsident des Netzwerks Zürich und Mitorganisator der Tagung erläuterte das Motto der Tagung und hielt in seinem Grusswort fest, dass nach zwei Jahren die Geburtswehen von Innovage überstanden seien. "Mit vernetztem Denken und Arbeiten werden gesellschaftliche Aufgaben übernommen, die Innovage Wertschätzung und Annerkennung einbringen."

 

Dienen kommt vor verdienen

David Bosshart, Trendforscher und CEO des GDI, führte in seinem kurzen Einstiegs-Referat aus, dass im Pensionierungsalter vieles gegen ein passives Dahinvegetieren auf Kreuzschiffen und Golfplätzen spricht: „Eine sinnvolle Tätigkeit ist das wichtigste und schönste im Leben und letztlich das, was uns vom Tier unterscheidet.“  Angelehnt an das Zitat von Gottlieb Duttweiler, wonach Freiwilligkeit der Preis der Freiheit sei, appellierte Bosshart an die jungen Alten: „Gesundheit, Geld, Wissen und Zeit sind Privilegien, die zur aktiven Lebensgestaltung genutzt werden sollen. Zurückgeben bringt mehr als der tägliche Egoismus. Dienen kommt vor verdienen, das war schon Duttweilers Maxime.“ Mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung, geht Bosshart davon aus, dass die Welt nach dem Bankrott des Kapitalismus weniger amerikanisch und ideologisch werde. „Statt nach welcher Ideologie stellt sich die Frage nach der Identität“. Und bei der Suche nach der Identität gäbe es altersspezifische Unterschiede: „Junge Menschen träumen; alte Menschen haben Erinnerungen.“ Eine Gesellschaft, die nur noch aus Erinnerung bestehe, sei aber kaum mehr zu führen. Daher ist nicht alt und satt das Ziel, sondern die Bewahrung der geistigen Mobilität, wofür die Projektarbeit bei Innovage ideal sei.

Zufriedene Kunden

Die bisherige Projektarbeit wurde anschliessend auf dem Podium reflektiert. „Innovage-Kunden“ waren eingeladen, über ihre Erfahrung mit Innovage zu diskutieren. Susi Tschopp und Regula Zürcher, die mit Innovage-Unterstützung einen Dorfmarkt in thurgauischen Wuppenau realisieren, zogen eine sehr positive Bilanz. Die vier Innovage-Beratenden aus der Ostschweiz unterstützen sie massgeblich in Fragen des Marketings, der Personalführung und der Finanzplanung. Der Businessplan sei unterdessen ausgearbeitet, das Baugesuch eingereicht, die Finanzierung weitgehend sichergestellt und das Layout des Ladens in Entwicklung. Was aber sind die Herausforderungen und die möglichen Stolpersteine in der Zusammenarbeit mit Innovage? Oder: Wieviel Leistung darf man von Innovage erwarten, wenn man nichts dafür bezahlt, wie Kirsten Meier von okaj Zürich stellvertretend für alle Auftraggeber fragte. Für Fred Lauener, den Leiter des Strassenmagazins Surprise, wurde in der bisherigen Zusammenarbeit klar, dass auch die Auftraggeber Ressourcen zur Verfügung stellen müssen und nicht einfach das Problem nach aussen delegieren können. „Die Zusammenarbeit muss geplant werden, die Innovage-Kultur und die Kultur des Auftraggebers müssen thematisiert werden und die Rollen gilt es zu klären. Nur so kann Missverständnissen vorgebeugt werden“. Wie wichtig die Klärung des Auftrags vor Projektstart sei, zeigt sich auch in den Erfahrungen von Hanspeter Herger von der Caritas. Fazit der Plenumsdiskussion: Auch wenn ehrenamtlich gearbeitet wird, gibt es nichts umsonst. Erwartungen, Möglichkeiten und die Aspekte der Öffentlichkeitsarbeit sind offen zu deklarieren, im Vorfeld zu klären und in einer Art Leistungsvereinbarung festzuhalten.  

Nach einer kurzen Pause wechselte das Podium. Nach den Auftraggebern reflektierten nun Innovage-Beratende aus allen Netzwerken ihre Projekterfahrungen. Durchschnittlich einen Tag pro Woche investierte der grosse Teil der Anwesenden für Innovage. Zu Arbeit kann man dabei auf unterschiedlichste Art und Weise. Jean-François Labarthe vom Netzwerk Romandie wurde im Bistro von einem Freund angesprochen, während sich andere gezielte auf die Arbeitssuche machten.  Das Finden von spannenden Projekten bleibt aber eine erste Herausforderung. Wer gratis Gutes tun will, dem stehen nicht automatisch alle Türen offen, wie Lydia Schiratzki erfahren hat: „Bei meinen Abklärungen in der Region bin ich auf Widerstand gestossen. Die bezahlten Profis in der sozialen Arbeit sahen in mir eine Konkurrentin und gingen auf Distanz." Für Brigitt Kundert ist es daher entscheidend, dass Innovage in der jeweiligen Region gut vernetzt ist: „Vernetzungsarbeit ist das A und O. In unserem Netzwerk ist der Präsident als „Vernetzter“ zuständig für die externe und interne Kommunikation.“ Wichtig bleibt aber auch der Austausch mit den anderen Netzwerken, besonders im Bereich der Projektanfragen. Während einzelne Netzwerke nämlich Anfragen aus Kapazitätsgründen ablehnen müssen, klagen andere über leere Auftragsbücher. Als erfolgreiches Beispiel eines Innovage-Projektes trat zum Abschluss der Diskussion der Surprise-Chor unter der Leitung von Michael Pfeuti auf. Der Basler Chor ist mit Unterstützung des Netzwerks Nordwestscheiz entstanden und hatte im GDI seine Hauptprobe, bevor er am nächsten Tag am Wildwuchs Festival in Basel auftrat.

Alte Besen wissen, wo der Dreck liegt

Peter Gross, emeritierter Professor für Soziologie der Universität St. Gallen und Co-Autor des Bestsellers „Glücksfall Alter“ fokussierte nach dem Mittagessen in seinem Referat auf das Leben im Multi-Generationen-Zeitalter: „Noch nie gab es in der Geschichte der Menschheit eine Zeit, in der drei bis vier Generationen gedeihlich nebeneinander lebten. Es gab noch nie soviel Kinder, die ihre Grosseltern und Urgrosseltern kannten. Dabei sind die Kinder heute meist Wunschkinder, die gegenüber früher sehr viel mehr Aufmerksamkeit erhalten“. Die  Gesellschaft hätte sich in die Höhe entwickelt, sei zur „Hochstamm-Gesellschaft“ geworden mit wenig Kindern und vielen Generationen. Das sei positiv, weil es weniger Konflikte zwischen den Generationen als unter Gleichaltrigen gäbe. Gleichzeitig bedeute es aber auch, dass die Gesellschaft auf den demografischen Wandel reagieren müsse. Gefragt sind Diversity-Management und Marketingkonzepte, die sich an Kunden des Segments 70+ richten. Zudem gilt es das AHV-Alter zu überdenken, damit ältere Menschen länger in Betrieben mitarbeiten können. Denn, so Gross: „Es ist paradox, aber die Überalterung der Gesellschaft geht einher mit der Verjüngung der Betriebe.“  Dabei hätten gemäss Gross ältere Mitarbeiter durchaus Wertvolles zu bieten: „Junge Besen kehren gut; alte Besen wissen wo der Dreck liegt.“ In Bezug auf Innovage empfiehlt der Professor, auf die Beraterkompetenz zu setzen und anzuleiten statt auszuführen. Inhaltlich könnte eine Kernkompetenz bei Generationenfragen erarbeitet werden, analog zu den deutschen Demographie-Beratenden. Denkbar wäre auch eine Positionierung auf einer Metaebene, die im allgemeinen Angebotsdschungel von zivilgesellschaftlichen Angeboten Orientierung schaffen und vermitteln würde.

Ehrungen, Ausblicke und ein Theater

Nach der Kaffeepause wurde die Gelegenheit genutzt, um über frisch lancierte Innovage-Projekte wie die  Zweitauflage der Tagung „Altersrevolution“ oder das Innovage-Buchprojekt zu informieren. Heinz Altorfer würdigte anschliessend die Arbeiten der einzelnen Netzwerke und lud diese zu einem Besuch eines Migros-Kulturprozent-Classic-Konzerts in ihrer Nähe ein. Den Schlusspunkt der Tagung setzte das Playback-Theater, das mit spontanen Improvisationen einzelne Tagungsthemen auf der Bühne spiegelte und damit zusammenfasste, was an diesem dichten Tag alles behandelt wurde. Das allerletzte Wort hatte dann aber Emanuel Hafner. Der Präsident des Netzwerks Zentralschweiz wies darauf hin, dass die nächste nationale Tagung im Juni 2010 in Luzern stattfinden wird.

Zufriedene Gesichter...
.. und eine alte Erkenntnis

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