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Metamorphosen

Von Alice Hofer 

Neulich kam jemand zu mir mit dem Anliegen, sich dem Wesen der Vergänglichkeit anzunähern. Dabei stellte sich heraus, dass eine unerlöste Verlusterfahrung, die immer noch schmerzte, inzwischen zehn Jahre zurück lag. Die Person, die mir nun gegenübersass, hatte seither in gewisser Weise selber aufgehört zu leben. Es fiel ihr schwer, ihrem Dasein überhaupt noch einen Sinn abzugewinnen. Sie kam mehrmals zu mir in die Beratung um herauszufinden, ob man die Bindung an einen geliebten Menschen jemals lockern kann, ohne dabei das Gelübde der Treue zu verraten. Sie empfand es als eine Art Solidarität mit dem Verstorbenen zu leiden, ohne jedoch wissen zu können, ob er wirklich litt. Im Laufe unserer Gespräche wurde ihr dann klar, dass diese Ansicht niemandem nützte, am allerwenigsten sich selber.  

Es war wirklich schön zu sehen, wie sie sich wieder ihrem Leben zuwenden und aus der eigenen Tiefe schöpfen konnte. Dadurch verstand sie auch, dass die Liebe nicht aufhören muss, bloss weil der andere Mensch unsichtbar geworden ist. Sie konnte schliesslich die beglückende Erfahrung machen, dass ein stiller Dialog immer noch möglich ist, sowohl in Gedanken wie auch in ihren Träumen, die ihr übrigens viel Aufschluss und Trost gaben.  

Solche Begegnungen machen deutlich, was schon unser Freund Platon (427-347 v.Chr.) empfohlen hat, nämlich «ein philosophisches Leben als Vorbereitung auf den Tod». 

Besonders hilfreich finde ich den Vergleich mit der Raupe: Wenn sie sich verpuppt und im Kokon ruht, nur ihrem Instinkt folgend, zweifelt sie nicht, das Richtige zu tun, obwohl sie keine Ahnung davon hat, wie unendlich viel grösser und leichter ihr Leben sein wird, wenn sie erst ihre Larve hinter sich gelassen hat. Während sie vermutlich diesen Prozess weder bewusst erlebt noch sich als zukünftigen Schmetterling sieht, gelingt ihr scheinbar mühelos genau das, was unsereiner oft krampfhaft anstrebt: Die spielerische Hingabe an das gegenwärtige Sein und das bedingungslose Vertrauen in den Fluss des Lebens.  

Entscheidend dabei sind Achtsamkeit unserer Gedanken, Wünsche und Worte, also des eigenen Schöpfertums: Wir kreieren, was wir denken und sagen. Ausserdem glaube ich an die Weisheit des Schicksals und schliesslich an unsere Fähigkeit, uns selber jederzeit zu verwandeln. Wie oft klammern wir uns ängstlich an Verhaltensweisen, an Dinge, Situationen oder Menschen, aus Angst vor Veränderung, die wir uns seltsamerweise gleichermassen erhoffen? Anstatt den Wandel bewusst selber herbeizuführen, verlassen wir uns insgeheim darauf, dass «die Umstände» etwas bewegen werden, wozu wir uns selber kaum imstande wähnen. Manche von uns wagen nicht einmal eine Veränderung ihrer äusseren Erscheinung, weil damit eventuell eine Erneuerung der inneren Haltung einhergeht. Ich habe Leute gesehen, die sich jahrelang kein Härchen kämmten, um ja nicht aufzufallen. 

Bei gelegentlichen Unsicherheiten bediene ich mich gerne einer Vorstellung, die ich mir jeweils in allen Farben ausmale: Unsere Seele ist unsterblich. Vor ihrer Verkörperung schaut sie im Reich der Ideen intuitiv ihr wahres Sein. Daran wird sie sich ein Leben lang erinnern wollen, suchend, ahnend und wissend, mit diffusen Bildern und Gefühlen oder klaren Geistesblitzen, und oft genug auch beim Fischen in trüben Gewässern. 

Und doch, die allermeisten Einzelheiten unserer Existenz sind variabel, meist zu unseren Gunsten: Wir haben jeden Tag die Wahl, das zu sein, was wir sein möchten. Niemand kann uns daran hindern, ausser wir selbst. 

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