Als das Älterwerden angeklopft hat…

Von François Loeb

Ja, da splittert etwas, wenn das Älterwerden an der Türe klingelt. Eintritt verlangt und kein noch so grosses Sicherheitsschloss diesen verhindern kann. So jedenfalls habe ich es zu Beginn meines Pensionsalters, der Übergabe des Familienunternehmens an meine Kinder mit damals 62 Jahren erlebt. Von einem Tag auf den anderen lichteten sich die Einladungsschreiben an Events, in denen zuvor viele Menschen um mich herumschwänzelten. Und es wurde noch wilder. Plötzlich war ich ein ‚BEINAHENIEMAND‘. Nach einigen Jahren kannte mich kaum noch jemand im Unternehmen, das ich 27 Jahre als CEO geleitet hatte.

Doch schön der Reihe nach. Ich war 62. In meinen damaligen Augen im besten Männeralter. Trauern über die verlorene Wichtigkeit? Sofapotatocrunch werden vor dem Fernseher? Kreuzfahrten unternehmen? Weltreisen in eines Freundes Kleinstsegeljacht? Jugendabenteuer nachholen? Dadurch die Jahre zurückbuchstabieren lassen. Nicht gerade bis zum A, doch zumindest bis zum F. François ist ja mein Vorname. Oder bis zum L meinen Familiennamen Loeb. Ich entschied mich dagegen. Überlegte, was ich in jungen Jahren für Träume besessen hatte. Schreiben. Ja, Schreiben. Doch sagte ich mir, Erfolgserlebnisse sind in dieser Berufsgattung erst nach Jahrzehnten zu ernten. Und ein guter Roman will Musse haben. Muss reifen wie ein alter Bordeaux, dessen Gaumenfreuden mich beglücken. Da fehlt die Zeit. Man kann ja nie wissen. Und meinen Erben Unvollendetes hinterlassen? Ein ‚Nogo‘.

So entschied ich vornehmlich Kurz- und Kürzestgeschichten zu verfassen, eine Literaturgattung, die in der deutschen Belletristik gegenüber der englischen Literatur untervertreten ist. Und das in unserem Jahrhundert, in dem Zeit rationiert ist, dafür beinahe Märkeli wie bei früheren Engpässen in den Lebensmittelsparten einzusetzen sind. Meine Zielsetzung war und ist junge Menschen, Pendlerinnen und Pendler sowie ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Sehproblemen zum Lesegenuss zu verführen. So schuf ich vor über 5 Jahren meine jeden Freitag auf die abonnierten Mailadressen zu sendenden Wochengeschichten und Dreisatzromane, die kostenlos und werbefrei mit einem Klick abonniert, aber auch abbestellt werden können. (www.www.francois-loeb.com).

Zurzeit erhalten mehr als 900 Abonnenten regelmässig diese Literaturmüsterchen. Ich hoffe damit den Leserinnen und Lesern wöchentlich eine kleine Freude zu bereiten.

Der Input meiner Berufs-und Politzeit im Warenhausunternehmen (1975-2002) und im schweizerischen Nationalrat (1987-1999) sind dafür eine wahre Fundgrube an Erfahrungen und Themen, in denen Humor und Absurditäten nicht fehlen. Doch das weiter Verfolgen der täglichen Polkitik ohne eine Möglichkeit des Eingreifens wie früher bietet unzählige Anregungen für meine Kurzgeschichten, die teilweise auch in separaten Büchern in verschiedenen Verlagen publiziert wurden. Das Unmögliche in Gedanken zu ermöglichen, was für ein einmaliges Rezept der Wirklichkeit ein Schnippchen zu schlagen!

Ja, eine neue Aufgabe zu finden, sich an frühere, während der Berufszeit vernachlässigte Steckenpferde zu erinnern, diese zu verwirklichen und auszubauen, sind für mich der erfüllende Weg, den dritten Lebensabschnitt zu gestalten und halten mich beweglich.

Dafür mich Wichtigste ist die nimmersatte Neugier, als sei man die Raupe Nimmersatt intensiv zu pflegen, niemals aus den Augen zu verlieren. So wird das Niederschreiben des Unmöglichen möglich, die Gedanken schweifen ins All. Keine Schwerkraft kann sie aufhalten, die Leichtigkeit des Seins wird erfahrbar, die Unmöglichkeit besiegt!

Kleine regelmässige Erfolgserlebnisse, in welcher Art auch immer, tragen zudem zur Zufriedenheit im Alter bei. Mich erfreuen die Rückmeldungen meiner Leserschaft, die zu meinem Glück mit der Kreation von Gedankensplittern in meinem Kopf seit meiner Pensionierung viel beitragen.

Geschichten schreiben ist ‚Kopfkino‘ und wer dieses pflegen kann, entschwindet immer aufs Neue in neue, spannende Welten!