Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.

Der Zufall

Von Heidi Tagliavini

Wie ein roter Faden zieht sich der Zufall durch mein Leben. Zur Diplomatie kam ich zufällig; nie hätte ich mich in meiner Jugend in diesem Beruf gesehen; ich wusste gar nicht so richtig, was das war. Aber als ich in den späten 1970er Jahren in Genf per Zufall wieder auf meinen lange aus den Augen verlorenen Cousin Franz Blankart stiess – er mittlerweile ein erfolgreicher Diplomat der Schweiz bei der UNO und ich Assistentin für russische Literatur an der Universität -, meinte er nach einem längeren Gespräch: «Du willst dich doch nicht in deiner Fakultät vergraben mit deinen vielen Sprachkenntnissen?» «Nein, aber die Diplomatie interessiert mich nicht.» «So etwas kannst du eigentlich erst dann sagen, wenn du die Eintrittsprüfung bestanden hat; erst dann kannst du beurteilen, ob es dich interessiert oder nicht.» Und er hatte recht. Ich habe diesen Entscheid nie bereut, auch wenn meine Jahre als Vermittlerin in Kriegsgebieten bisweilen unbeschreiblich schwer waren. 

Den grössten Teil meiner diplomatischen Laufbahn habe ich in der Sowjetunion und nach dem Zerfall der UdSSR in Moskau und in den verschiedenen Konfliktgebieten des auseinandergebrochenen Imperiums verbracht, in Russland, Tschetschenien, Georgien, der Ukraine und in Armenien. Auch hier war der Zufall am Werk: Als die Schweiz sich 1995 anschickte, in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) den Vorsitz zu übernehmen, wollte man mich im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) partout nach Bern in die Personalabteilung versetzen - für mich der blanke Horror. Also argumentierte ich, dass man mich in jede Friedensmission der OSZE entsenden könne, nur nicht in die Berner Zentrale. Darauf hörte ich einige Wochen nichts mehr, bis mich eines Abends der Anruf eines Kollegen der OSZE in der Schweizer Botschaft in Den Haag aufschreckte: «Hör mir gut zu, Heidi, Du bist vorgesehen als eines der sechs Mitglieder einer internationalen OSZE-Friedenmission in Tschetschenien; du wirst dort die Schweiz vertreten, gemeinsam mit Ungarn, Frankreich, Schweden, den USA und Polen -, morgen früh geht’s los, erst nach Moskau, für ein offizielles Briefing, und von dort dann nach Grosny»  - in den 1995 ausgebrochenen tobenden Krieg zwischen Separatisten und Moskau. ausgebrochen. «Morgen?» «Ja.» «Ok.» Warum habe ich damals bloss so spontan zugesagt? 

Was dort, in Grosny, auf uns wartete, war unbeschreiblich – wir sehen es heute jeden Tag, in der Ukraine und in Gaza. Wir landeten damals mit einem russischen Armeehelikopter vollbepackt mit Munition und Waffen auf dem völlig zerstörten Flughafen von Grosny. Dort geschah erst einmal nichts, bis wir auf einem für unsere Begriffe schrottreifen, offenen Lastwagen mit unserem Gepäck durch die zerbombte Stadt in unser zukünftiges Hauptquartier gefahren wurden: ein hufeisenförmiges, typisches nordkaukasisches Privathaus mit spärlichem Obstgarten, das nach heftigem Beschuss der Stadt mehr schlecht als recht wieder bewohnbar gemacht worden war – ohne Glas in den Fenstern und ohne Türen, ohne Wasser, ohne Elektrisch und ohne Gas, mit einem Plumpsklo zuhinterst im Garten. In der Sommerküche im Hof gab es einen kaputten Tisch und sechs halbwegs intakte Stühle. Wir stellten unsere Feldbetten auf, legten den Schlafsack darauf, verhängten notdürftig mit alten Militärdecken die Türöffnungen und suchten unsere Taschenlampen im Gepäck. Gleich am ersten Abend erhielten wir einen Vorgeschmack von dem, was uns von da an jede Nacht erwartete: schwerer Artilleriebeschuss über der ganzen Stadt bei Einbruch der Dunkelheit. Diese Friedensmission hatte es in sich.

Jede Nacht kämpften tschetschenische Heckenschützen gegen die russischen Artillerie, und wir steckten mittendrin – Krieg eben. Und dennoch war dieser Friedenseinsatz in jeder Hinsicht wegweisend für mich. Ich habe damals begriffen, was ein hart verhandelter Waffenstillstand vermag: Die Lage beruhigte sich über Nacht, und auch wenn die Ruhe bisweilen nur von kurzer Dauer war, war das für die Zivilbevölkerung mindestens eine Atempause und schuf so etwas wie eine Insel der Sicherheit, in der die Menschen wieder zu sich kommen konnten. Unsere Bemühungen waren also mehr als nur sinnvoll. 

So habe ich nach Tschetschenien noch weitere Friedensmissionen in der früheren UdSSR übernommen. Die Anfragen kamen immer überraschend, mein Entscheid war jedes Mal ein spontanes «Ja», und die Abreise folgte immer sofort, meist schon am folgenden Tag. So war es in Georgien, wo ich, nach einem unerwarteten Anruf des UNO-Generalsekretärs Kofi Annan, spontan zusagte, nachdem ich ihm zuvor erklärt hatte, dass ich den Konflikt zwischen Georgien und Abchasien nicht lösen könne. Der Generalsekretär entgegnete, das sei ihm sehr wohl bewusst, er erwarte jedoch von mir, dass ich alles tue, damit der Konflikt nicht eskaliere und wieder in Krieg abgleite. Darauf akzeptierte ich das Mandat, im Bewusstsein, dass die Leitung einer Militärbeobachtermission mit über 600 Mitarbeitern an vier Standorten über ganz Georgien verteilt und die Führung von Verhandlungen für eine umfassende politische Lösung eine Riesenaufgabe sein würde. Es war ein Einsatz rund um die Uhr, ohne Pause, mit vielen Gefahren und unzähligen Überraschungen, ständig in Erwartung der nächsten Katastrophe – doch das war mir bei meiner Zusage nicht im vollen Ausmass bewusst gewesen. Aber auch wenn ich es gewusst hätte, hätte ich das Mandat wohl trotzdem angenommen. Auch in meinem letzten Einsatz 2014/2015 im Ukrainekonflikt im Osten der Ukraine, erhielt ich - bereits in der Pensionierung - spätabends einen Anruf mit der Mitteilung, ich müsse mich auf dringendes Anraten der OSZE am nächsten Tag zu Gesprächen in Kiew einfinden, denn ich würde im Auftrag des damaligen Präsidenten der OSZE und Schweizer Aussenministers – unter der Ägide des Normandie-Formats mit Kanzlerin Merkel und den Präsidenten Frankreichs, der Ukraine und Russlands –  Friedensgespräche mit Russland und der Ukraine führen. Wie so oft blieb nicht viel Zeit zum Packen. Aber am nächsten Tag war ich in Kiew. Wieder hatte ich ohne Bedenkzeit diesen Zufallsentscheid angenommen. Die Minsker Vereinbarungen von 2014 und 2015, die wir damals mit Russland und der Ukraine aushandelten, waren zwar weit davon entfernt, eine befriedigende Lösung des Konflikts zu bringen, aber sie haben der Ostukraine immerhin acht Jahre einen mehr oder weniger dauerhaften Waffenstillstand beschert und also eine Existenz ohne tägliche Todesangst. Mit dem Einfall russischer Truppen am 22.2.22 wurde dieser zwar unbefriedigende, aber halbwegs lebbare Zustand brutal zerstört.

All diese Einsätze beruhten jeweils auf einem Entscheid, der mir schneller über die Lippen kam, als ich nachdenken konnte. Ich habe mich oft gefragt, wie ich bloss so mir nichts, dir nichts, gleich beim ersten zufälligen Anruf aus einer Zentrale der UNO, der OSZE oder der EU für all diese schwierigen Missionen spontan zusagen konnte, ohne mir Bedenkzeit auszubedingen. Schliesslich bedeutet Krieg kein normales Leben und keine normale Arbeit. Die Gefahr lauert überall, die Umgebung ist kriegsversehrt und Willkür und Waffen bestimmen den Tagesablauf. Auch kleinste politische Fortschritte wie beispielsweise ein Waffenstillstand können jederzeit wieder gebrochen zunichte gemacht werden – wie kann man dort normal funktionieren, wie glaubwürdig auftreten, wie sich verhalten, um von den Kriegsparteien akzeptiert zu werden, um überhaupt ernst genommen zu werden? Und nicht zuletzt, wie soll man sich verhalten, um seelisch und körperlich zu überleben? Ich bin zum Schluss gekommen, dass meine jeweils wagemutige Bereitschaft für solche Einsätze richtig war, auch wenn das bedeutete, fast immer schon am nächsten Tag aufzubrechen, auch wenn es Gefahr, Willkür, Unvorhersehbarkeit und Widrigkeiten aller Art bedeutete. Ich habe es nicht nur nie bereut - obschon es seinen Tribut gefordert hat -, ich habe auch menschlich und professionell unendlich viel gelernt und habe den Wert einer sinngebenden Aufgabe erkannt.
 

Mehr zum Autorin Heidi Tagliavini