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Vom Entwickeln der Einsamkeitsfähigkeit

Von Isabelle Zuppiger 

«Krankhaft ist nicht Einsamkeit. Problematisch ist vielmehr die Schwächung der Kraft zur Einsamkeit» meint der Philosoph Odo Marquart in seinem Plädoyer für die Einsamkeitsfähigkeit. 
In kurzer Zeit habe ich Mutter, Ehepartner und einen Bruder verloren. Mit jedem Abschiednehmen wurde das Gefühl des Alleinseins noch konkreter. Das Leben bot mir damit in Bezug auf das Älterwerden nochmals eine grosse Herausforderung. 

Als selbstständig tätige Unternehmerin hätte ich noch lange im Arbeitsleben bleiben können. Warum sollte ich nicht einfach so lange weiterarbeiten, bis meine Dienstleistungen nicht mehr gefragt sind oder ich erschöpft bin? Ich müsste mich nicht mit der Einsamkeit auseinandersetzen und würde erst noch den gesellschaftlichen Erwartungen, länger zu arbeiten, entsprechen.  

Mit dem Erreichen des Pensionsalters war für mich aber klar, dass es nun Zeit ist, mich dem Älterwerden zu widmen und zu lernen, damit umzugehen. Es war für mich ein Privileg, den Zeitpunkt des Übertritts in den neuen Lebensabschnitt selbst wählen zu können. So habe ich die Auflösung meines Unternehmens mit einer fröhlichen Finissage zusammen mit Kund:innen, Freunden und Familienangehörigen gefeiert. Der fixe Termin brachte eine Zäsur und zeigte sofort, was zukünftig möglich ist und was fehlen wird. Zuerst war einmal dieses unglaubliche Gefühl der Freiheit. Viel weniger ein Müssen und viel mehr ein Dürfen. Da waren aber auch die einsamen Momente, aufkommende Langeweile, das Fehlen des Netzwerkes bei der Arbeit und die Notwendigkeit, selbst aktiv zu werden, um Kontakte mit Menschen zu haben.  

Die Frage tauchte auf: Wie komme ich nun zu dieser Kraft der Einsamkeit, wie sie Odo Marquart postuliert? Die folgenden vier Ressourcen habe ich seit meiner Pensionierung entdeckt: 

Umgestalten des tätigen Lebens 
Die Gestaltung der freien Zeit rückt in den Vordergrund. Für mich, die gerne erwerbstätig war und auch gerne zusätzliche Verantwortung übernahm, war das zuerst gewöhnungsbedürftig - und dann eine Quelle purer Freude! Was für ein Genuss am Morgen, festzustellen, dass da fast keine Termine mehr sind und ich frei entscheiden kann, ob ich den Tag allein oder in Gesellschaft verbringen will. Ich übernehme weiterhin kleinere Mandate, meistens pro bono und mit dem Zweck, meine beruflichen Erfahrungen an andere Menschen, vor allem an jüngere Menschen, weiterzugeben.  

«Immer wenn du fähig bist, in einer schwierigen Situation den Humor zu finden, hast du gewonnen”
Dieser Spruch der Comic Figur Snoopy, bzw. dessen Erfinder Charles M. Schulz, wurde zu einem Leitmotiv. Der Humor stärkt meine Selbstwirksamkeit. Er ist ein Instrument, das hilft, Distanz zu gewinnen, erhöhte Erwartungen zu reduzieren - sowohl auf mich selbst als auch auf andere Menschen - und bewirkt Leichtigkeit und Gelassenheit. 

Bildung
Unter Bildung verstehe ich Aktivitäten, die zum Ziel haben, die einmal erworbenen Fähigkeiten und Erkenntnisse zu erhalten und ständig zu erweitern. Tägliche Zeitungslektüre, Lesen, Schreiben, IT-Anwendungen nutzen, Besuch von Ausstellungen und Konzerten, Reisen, Absolvieren von Weiterbildungen usw. geben das Gefühl, auch allein nicht allein zu sein.  

Zeit zum Nachdenken 
Die Einsamkeit gibt mir die Musse, mich in Gedanken dem zu widmen, was das Leben schlussendlich ausmacht: ein Werden und ein Vergehen. Es macht Sinn, zu akzeptieren, dass das Schwinden der Kräfte, Gebrechen und Krankheiten einem möglichst selbstbestimmten Leben Grenzen setzen. Und schlussendlich stirbt am Ende des Lebens jeder Mensch allein seinen eigenen Tod. Daraus gilt es, das Bestmögliche zu machen.  

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