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Freiwilligenarbeit: Pflicht oder Privileg im Alter?

Von Sigrid Haunberger

Unlängst wurde in einem Inserat eine freiwillige Person im Berner Oberland gesucht, die einen an Demenz erkrankten Mann auf seinen geliebten, wöchentlichen Spaziergängen begleitet. Seine gehbeeinträchtigte Frau kann diese Unterstützung nicht mehr bieten. Offensichtlich kann das familiäre und soziale Netzwerk hier nicht stützend eingreifen. Ein Fall für Freiwillige! 

Ich mache das noch gerne, Inserate durchstöbern, in denen Freiwillige für diverse Aufgaben gesucht werden. Diesen Eindruck habe ich bisher gewonnen: Oftmals werden nicht gezielt Personen 65+ gesucht, auch steigen die inhaltlichen und zeitlichen Anforderungen an die Aufgabenprofile der Freiwilligen enorm.  

Ebenfalls werde ich hellhörig, wenn Personen im Ruhestand in meinem Umfeld von ihrem freiwilligen Engagement erzählen. Mirjam (Jg. 1955) hat lange Zeit begeistert eine Familie mit Migrationshintergrund begleitet. Sie hat ihr Amt aufgegeben, da sie sich überfordert fühlte und es seitens auftraggebender Organisation keine Ansprechperson gab. Peter (Jg. 1952) leitet mehrere Deutschkurse für Flüchtlinge gleichzeitig, weil er den Wunsch verspürt, etwas zurückzugeben. Käthi (Jg. 1948) ist als Seniorin im Klassenzimmer engagiert und unterstützt die Klassenlehrperson schon seit langer Zeit regelmässig. Ihre Augen strahlen, wenn sie davon berichtet. 

Die Personen aus den Beispielen haben Gemeinsamkeiten. Erstens: Sie engagieren sich unbezahlt für eine Organisation für Menschen ausserhalb ihrer eigenen Familie (institutionalisierte Freiwilligenarbeit). Zweitens: Sie sind im Ruhestand und mit guten Ressourcen (Bildung, Gesundheit, Finanzen) ausgestattet. Drittens: Eine funktionierende Freiwilligenkoordination ist für ein gelingendes institutionalisiertes Engagement unerlässlich. Viertens: Sie gehören zu einer Gruppe, die alterssoziologisch als aktives und produktives Alter umschrieben wird. Es gibt auch eine Gegenströmung, die fordert, den 65+ doch endlich ihre wohlverdiente Ruhe nach dem Erwerbsleben zu lassen. 

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass im Jahr 2020 insgesamt 619 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit in der Schweiz geleistet wurden. Dies schliesst unbezahlte Hilfeleistungen aus persönlicher Initiative für Personen ausserhalb des eigenen Haushalts (informelle Freiwilligenarbeit) mit ein. Personen 65+ leisten wöchentlich durchschnittlich 3.3 Stunden institutionalisierte und 6.1 Stunden informelle Freiwilligenarbeit. Ebenso zeigt sich, dass es soziale Ungleichheit beim Zugang zu einem freiwilligen Engagement gibt. Freiwilligenarbeit muss man sich erst leisten können. 

Eine verwegene Studie behauptet gar, dass sich die Lebensspanne durch Freiwilligenarbeit verlängern lässt. Ich bezweifle das. Unangezweifelt bleibt dagegen, dass Freiwilligenarbeit zu einer aktiven Lebensgestaltung von Personen im Ruhestand anregt und so zur Erhaltung und Förderung ihrer geistigen und körperlichen Vitalität beiträgt. Darüber hinaus profitieren die Begünstigten und die Gesellschaft, gerade vom Erfahrungsschatz der 65+.