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Vier Spaziergänge

Von Walter Däpp

Mit Gedanken über das Glück, vor 77 Jahren in ein sicheres, friedliches Land hineingeboren worden zu sein. Und darüber, dass nun, im Alter, alles zu kippen droht. 

Geboren 1946, nach dem Krieg. Mit dem in die Wiege gelegten Glück, in einem sicheren, friedlichen Land zu leben – im Bestreben, aus der guten Zeit eine vielleicht noch bessere zu machen. Bis nun, im Alter, alles zu kippen droht. 

Spaziergang 1, im September 2010. Im Restaurant «Le Chef» in Beirut grüsst der Kellner mit einem freundschaftlichen «Welcome – welcome in Lebanon». Der einheimische Rotwein ist hervorragend, die Humus-Paste mit Fladenbrot schmeckte ausgezeichnet. An der Kasse steht auf einem Kleber «NO WAR!» – kein Krieg! Man sehnt sich hier nach Frieden, in einer Stadt, in der man den Krieg kennt und in der eine halbe Million Menschen in palästinensischen Flüchtlingslagern leben. Man erhofft sich Frieden, aber «NO WAR» bleibt ein unerfüllter Wunsch: Ein Jahr später kommt es im Nachbarland Syrien zum blutigen (und bei uns schon fast vergessenen) Krieg mit einer halben Million Todesopfern und mehreren Millionen Flüchtlingen. Hunderttausende flüchteten auch in den Libanon. Dorthin, wo uns 2010 im «Le Chef» der Kellner mit einem freundschaftlichen «Welcome» begrüsst hat. 

Spaziergang 2, am Tag nach dem 24. Februar 2022. Putins Armee hat die Ukraine überfallen. Medienberichte schrecken auf. Doch für uns scheint der Krieg in der Ukraine noch weit weg zu sein. Auf der Berner Kirchenfeldbrücke: Links, auf dem Bundeshaus, zwei Schweizer Fahnen. Die goldenen Ränder der grünen Kuppeln glänzen in der Sonne. Rechts, auf der Casino-Terrasse, vergnügte Leute beim Zvieri oder schon beim Apéro. Auf der Münsterterrasse Boulespieler. Spielende Kinder. Doch zwischenhinein auf dem Handy wieder gespenstischen News aus der Ukraine. Plötzlich ist dieser Krieg da. Und man ahnt: Er geht auch uns etwas an. 

Spaziergang 3, am Tag nach dem 7. Oktober 2023. Der Horror-Überfall von Hamas-Terroristen auf Israel ist für Putin ein Geburtstagsgeschenk. Für die Menschen in Israel und für die Palästinenser im Gazastreifen aber der Beginn einer unbeschreiblichen Gewaltspirale mit Zehntausenden Todesopfern, Verletzten, Hungernden, Leidenden. Bern, an der Aare: Im Marzili verspricht das Naturhistorische Museum auf einem Plakat zu einer Ausstellung über das Insektensterben: «Alles wird gut!» Der Sportplatz Schwellenmätteli ist überwacht. «Daru-Wache», steht da, «für Sicherheit in der Schweiz.». In der Englischen Anlage liegen einige Taubenfedern am Boden. Es müssen Federn einer toten Friedenstaube sein. 

Spaziergang 4, vor einigen Jahren. Auf dem Berner Kasernenareal, das zur offenen Grünfläche mitten in der Stadt geworden ist, spielen Kinder. Familien picknicken. Aus einem Fenster klingt Musik – die Hochschule für Künste ist hier einquartiert. Statt strammer militärischer Disziplin nun freie kreative Entfaltung. Das ehemalige Restaurant «Militärgarten» nebenan ist vor Jahren schon entmilitarisiert worden – es heisst nur noch Garten, «Jardin». Und ein Kind meint zu einem Militärlastwagen: «Schau dort, Opapa, dieses lustige Auto!» Ja: Es ist ein Geschenk, in der Schweiz zu leben – dort, wo der «Militärgarten» nun ein «Jardin» ist, wo aus Kasernenfenstern Musik tönt und wo ein Kind Militärlastwagen lustig findet. Wie gut wir es in der Schweiz doch haben. 

Noch haben? 

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