Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.

Rente ist Freiheit

Von Walter Langenegger

Was für ein Privileg! Mit einer sicheren und anständigen Rente vom Berufsleben zurücktreten zu dürfen, und dies in einem Land mit hoher Lebensqualität, einer funktionierenden Infrastruktur, mit Zugang zu moderner Medizin und sozialer Betreuung und mit der Perspektive, dank hoher Lebenserwartung noch viele Jahre ein zufriedenes und erfülltes Leben in Wohlstand und Sicherheit leben zu dürfen. Das ist Freiheit – und Verpflichtung zugleich.

Dieses Privileg wird leider noch längst nicht allen zuteil, aber doch vielen meiner Generation. Mit der Pensionierung verlassen wir das Hamsterrad und sind von der Notwendigkeit befreit, uns tagtäglich den Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Und das bedeutet: keine Fremdbestimmung, keine beruflichen Sachzwänge und kein Leistungs-, Problem- und Erwartungsdruck mehr, sondern Autonomie über die eigene Lebenszeit, dem wertvollstem Gut, das wir haben. Ohne materielle oder gesellschaftliche Sanktionen befürchten zu müssen, dürfen wir erstmals in unserem Leben ganz uns selbst sein. Die Rente ist dabei gleichsam das garantierte Grundeinkommen, das uns in die Lage versetzt, wirklich frei zu sein und nur das zu tun und zu lassen, was wir selbst im tiefsten Inneren als richtig, gut, erstrebenswert und sinnstiftend erachten. Wahre Freiheit!

Wer sich dieses Privilegs bewusst ist, der spürt auch die Verpflichtung, die daraus erwachsen muss. Sie besteht darin, der Gesellschaft etwas vom eigenen Glück zurückzugeben. Denn wohlgemerkt: Nichts, was wir erreicht haben und was wir im Alter sind, verdanken wir allein uns selbst, sondern in erster Linie den glücklichen Zufällen des Lebens, darunter jener der Geburt am richtigen Ort, sowie den Lebenschancen, die uns unser demokratischer, sozialer Rechts- und Dienstleistungsstaat eröffnet hat. Ohne dieses Glück und ohne das staatliche Fundament, welches wir alle als Gesellschaft erschaffen haben, gibt es keine Erfolgreichen, Mächtigen und Glücklichen. Das müssen sich vor allem jene vor Augen halten, die über hohes Einkommen und Vermögen verfügen: Sie stehen am tiefsten in der Schuld, der Gesellschaft etwas zurückzuerstatten. Denn sie haben am meisten von dieser Gesellschaft geschenkt erhalten.

Persönlich versuche ich dies, indem ich mich nach meiner Pensionierung noch stärker als bisher für Verteilungs- und Steuergerechtigkeit sowie für soziale Fairness und starke demokratische Institutionen engagiere. Meine Fähigkeiten und Kenntnisse als ehemaliger Journalist und Kommunikationsfachmann stelle ich gemeinnützigen und sozialen Organisationen zur Verfügung, unterstütze die Sozialdemokratie in ihrem Einsatz für eine sozialere und ökologischere Schweiz und setze mich in der SRG-Trägerschaft für einen qualitativ guten Journalismus ein, weil dieser die Voraussetzung für eine starke Demokratie ist. Und ich bleibe offen für weitere Engagements, solange sie im Dienst des Gemeinwohls stehen und vereinbar sind mit meiner Überzeugung, wonach jeder Mensch auf dieser Welt das Recht auf ein Leben in Würde und in materieller Sicherheit hat, erst recht in der reichen Schweiz.

Mich dafür einsetzen zu dürfen: Das ist meine Freiheit – und meine  Verpflichtung zugleich. Dass ich die Chance dazu habe, dafür empfinde ich Dankbarkeit.