Die Digitalisierung schreitet schnell voran

Die technischen Anforderungen wachsen vor allem für die ältere Generationen. Experten und Expertinnen diskutierten am Podium «Marktplatz55+» in Basel, wie die Technik die Pensionierten beeinflussen kann. Ist die Entwicklung ein Fluch oder ein Segen?


Man kennt es aus leidiger Erfahrung: Transaktion abgebrochen. Login fehlgeschlagen. Versuchen Sie es erneut. Es konnte keine Verbindung aufgebaut werden. Nein. Jetzt nicht das Handy in eine Ecke knallen. Klar, die Digitalisierung kostet immer mal gehörig Nerven. Die Anforderungen wachsen. Gerade der älteren Generation fehlt manchmal die Leichtigkeit beim Navigieren durch den digitalen Kosmos. Vieles ist heute aber ohne Smartphone, Social Media und Co. gar nicht mehr machbar. Barbara Krieg, Leiterin digitale Medien der Pro Senectute beider Basel, sagt es drastisch: «Den Pen-sionierten, die die Digitalisierung nicht mitmachen, droht der Ausschluss aus der Gesellschaft». Dabei drehe das Rad der technologischen Entwicklung immer schneller. Poststellen oder Bankfilialen schliessen in wenig frequentierten Orten. Meist wird Kostendruck als Grund genannt. Bei den SBB werden in den nächsten Jahren die Automaten dezimiert. 

SBB-Schalter gehören in kleinen Bahnhöfen bereits heute nicht mehr zum Angebot. Ohne ein Smartphone ist ein Rentner zunehmend handicapiert. Krieg mahnt: «Die Entwicklung zur Digitalisierung darf die ältere Generation auf keinen Fall verpassen.» Fünf Kategorien von Rentnern und Rentnerinnen gebe es. Vom Nerd, der stets up to date sein will, bis zum vollständigen Technik-Verweigerer. Freiwilligkeit sei zwar das A und O bei den Pro Senectute-Kursen. Hingegen: Nicht wenige ältere Semester kriegen einfach mal ein Handy in die Hände gedrückt, oft genug von ihren Enkeln. Sodann fühlen sie sich etwas gedrängt und besuchen einen Digitalisierungskurs womöglich mit einem gewissen Widerstreben im Magen. Am meisten Widerstand kommt von den über 80-Jährigen. Krieg erklärt sich das so: «Diese Gruppe sieht nicht ein, warum sie in ihrem Alter noch etwas erlernen müsste, wenn es doch vorher ohne ging.» Die jüngeren Älteren ziehen hingegen fidel mit bei der Digitalisierung. Mike Oberholzer, Leiter der Ausgleichskasse Basel-Stadt, stellte etwa fest, dass 50% der Neu-Pensionierten über den Onlineschalter im Internet Informationen einholen oder einen Kontoauszug bestellen. Trotzdem wird der menschliche Draht nicht aussterben. Bei Dienstleistungen findet Oberholzer: »Wir setzen immer noch auf das persönliche Gespräch und bieten auch Termine an». 

Selbstbestimmung als Qualitätskriterium im Alter

Gaudenz Tschurr, leitender Arzt und Chefarzt Akutgeriatrie im Felix Platter-Spital, stellt die Selbstbestimmung im Alter ins Zentrum: «Jeder unserer Patienten möchte nach einem Spitalaufenthalt nach Hause. Dabei ist die Technik eine Hilfe, um die Leute mit gutem Gewissen zu entlassen.». Heute wollen die Verwandten wissen, wie es dem Vater oder der Mutter gehe. Dabei sei es mit einem Anruf nicht immer getan. Mit der Möglichkeit eines Videoanrufes könne man zum Beispiel das Gesicht sehen und sich ein genaueres Bild über den Zustand der Eltern oder eines Elternteils machen. Das verschaffe Sicherheit und ermögliche genau dadurch mehr Selbstbestimmtheit. Und das ist ja nur ein Beispiel dafür, wie die Digitalisierung den Alltag der alten Generation positiv beeinflusst. Für Krieg ist die Technologie denn auch klar ein Segen. Es gebe so viele Möglichkeiten der Unterstützung, zumal in Situationen, in denen ein Al-leinwohnen sonst nicht mehr in Frage käme. Weitere Beispiele aus der Praxis: Zwei Knöpfe lassen mittels Video-Türspion eine Person Zugang oder eben nicht. Sensoren merken beim Aufrichten im Bett eines Betagten, dass es unterstützend Licht braucht. Die Lampen schalten sich an und geben zum Beispiel beim Gang zur Toilette Licht. «Diese Möglichkeiten kosten nicht mehr als eine günstige Pflegehilfe aus Osteuropa», sagt Krieg. Für Tschurr ist deshalb klar: «Niemand will die Selbständigkeit verlieren und eine fremde Betreuung ins Haus lassen, die die Privatsphäre einschränkt». In unserer individualisierten Welt ist die Freiheit eben ein entscheidender Faktor für ein schönes Leben. Genau dabei kann die Digitalisierung helfen - zumindest, wenn man sie als Freund annimmt und nicht als Feind wegstösst. 

Sabri Dogan