Altersgerechte Lebensräume: Wer bestimmt eigentlich, was das heisst?
Von Carlo Fabian
Wenn Städte und Gemeinden „altersgerechte“ Lebensräume schaffen wollen, entstehen oft ganz bestimmte Lösungen: mehr Sitzgelegenheiten, mehr Sicherheit, weniger Hindernisse. Das klingt vernünftig und ist gut gemeint. Doch in solchen Lösungen stecken auch Vorstellungen davon, wer ältere Menschen sind – und diese Vorstellungen sind nicht immer zutreffend.
In einer Studie haben wir zwei Fallbeispiele aus der Schweiz untersucht: ein Bewegungsprojekt für Jung und Alt in einem Quartierpark sowie die Neugestaltung eines Stadtplatzes. Wir haben mit Fachleuten aus Planung, Landschaftsarchitektur und Sozialer Arbeit gesprochen, aber auch mit älteren Menschen selbst, bei Interviews und gemeinsamen Spaziergängen durch ihr Quartier.
Ein Befund zieht sich durch beide Fälle: In der Planung werden ältere Menschen häufig als homogene und gebrechliche Gruppe verstanden. Auch wenn Fachleute im Gespräch durchaus differenzierte Bilder des Alters zeichnen, setzt sich in der konkreten Umsetzung fast immer die vereinfachte Version durch: Rollstuhlgängigkeit, Haltegriffe, Sicherheit. Das sind wichtige Anliegen. Aber sie erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Die älteren Menschen selbst berichteten von etwas anderem: von Alltagspraktiken wie Spazieren, Kaffeetrinken, Beobachten, was im Quartier passiert. Vom Wunsch, „dabei zu sein“ und mitzubekommen, was sich verändert. Und von einer bemerkenswerten Vielfalt: Manche nutzten den öffentlichen Raum kaum anders als mit fünfzig, andere zogen sich zurück, wieder andere organisierten ihren Alltag ganz neu. Interessant war auch, dass viele ältere Befragte selbst mit Altersstereotypen operierten – aber meist über „die anderen Alten“ sprachen, nicht über sich.
Was mich an diesen Ergebnissen besonders beschäftigt: Stereotype wirken nicht nur in Köpfen, sie werden buchstäblich in Beton gegossen. Eine Bank, die zu niedrig ist, weil man dachte, ältere Menschen bräuchten es vor allem sicher und bequem – und die dann gerade jene ausschliesst, die Mühe haben, wieder aufzustehen. Ein Rundweg im „Demenzgarten“, der so angelegt ist, dass man nicht verloren gehen kann – aber vielleicht auch nicht selbst entscheiden, wohin man geht. Gute Absicht und tatsächlicher Nutzen liegen nicht automatisch beieinander.
Und doch: Es braucht Vereinfachung. Städte können nicht für jede einzelne Biografie planen. Die Herausforderung liegt woanders – nämlich darin, wer bei der Vereinfachung mitredet. In beiden untersuchten Fällen wurden ältere Menschen nur am Rand in die Planungsprozesse einbezogen. Fachleute räumten selbst ein, dass ihnen mitunter das methodische Rüstzeug für echte Partizipation fehlt – und manchmal auch der Mut, Verantwortung abzugeben.
Genau hier sehe ich eine Aufgabe für die Soziale Arbeit und für alle, die sich für Quartierentwicklung engagieren: nicht nur für ältere Menschen zu sprechen, sondern Wege zu schaffen, damit sie für sich selbst sprechen können. Das bedeutet, Stereotype sichtbar zu machen, ohne sie einfach durch neue zu ersetzen. Und es bedeutet, anzuerkennen, dass es „die älteren Menschen“ so wenig gibt wie „die jungen“.
Offen bleibt, wie stark solche Stereotype die Planung tatsächlich beeinflussen, welche Gruppen älterer Menschen besonders betroffen sind und wie sich Ausschlussprozesse in der Quartierentwicklung sichtbar machen lassen. Hier braucht es weitere Forschung.
Altersgerechte Lebensräume entstehen nicht allein am Reissbrett. Sie entstehen dort, wo Menschen mit ihrer Erfahrung, ihren Bedürfnissen und ihrer Unterschiedlichkeit tatsächlich Gehör finden.
Mehre Infos zur Studie (e): The Development of ‘Age Appropriate’ Living Environments: Analysis of Two Case Studies from a Social Work Perspective | Article | Urban Planning
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