Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.

Sterben gestalten

Von Corina Caduff

Wir leben heute länger, das heisst wir leben auch länger mit schweren, tödlichen Krankheiten. Das wiederum heisst, dass wir auch länger sterben.  
Je länger das Sterben dauert, umso mehr sind wir dazu aufgerufen, uns aktiv mit dessen Gestaltung auseinanderzusetzen, denn die letzte Phase des Lebens ist genauso gestaltbar wie andere Lebensphasen. Sterben ist immer auch Leben.  

Beim Sterben sind im Wesentlichen drei Gruppen beteiligt: Sterbende, ihre An- und Zugehörigen, sowie das begleitende Gesundheitsfachpersonal. Im Idealfall können diese Gruppen gut und kreativ miteinander arbeiten und kommunizieren.  

Eine der schwierigsten Fragen der letzten Lebensphase für alle diese Beteiligten ist wohl diese: Was kann man tun, wenn man im medizinisch-kurativen Sinn nichts mehr tun kann, wenn es (physisch-)gesundheitlich nicht mehr besser werden kann? Wie kann man das Nichtstun überführen in eine bedeutungsvolle Präsenz, die mehr ist als nur ‘Warten auf den Tod’? (s. Julia Rehsmann, Bitten Stetter: Nichtstun, 2024) Dabei geht es darum, eine Existenzform zu finden, die das Nichtstun in Aufmerksamkeit, in Anwesenheit, in gefüllte Zeit und in Empathie überführt – Aufmerksamkeit und Zeit für andere, die im Sterben begriffen sind, Empathie auch unserem eigenen künftigen Ich gegenüber, welches dereinst ein sterbendes Ich sein wird.  

Neben mentalen Werten kommt dabei auch die (Tabu-)Frage der finanziellen Gestaltbarkeit des Lebensendes auf, noch fehlt der gesellschaftliche Wille, noch mag kaum jemand in Sterbeprodukte investieren, man vergleiche dies nur einmal mit der konsequenten Kommerzialisierung von Schwangerschaft und Geburt. Warum nicht auch am Lebensende Geld ausgeben für schöne Dinge, für annehmlich gestaltete Sterbeprodukte wie etwa eine werthaltige Schnabeltasse, eine schöne Waschschale, oder einen neuen Vorhang?  

Als eine wichtige gesellschaftliche Bedingung des heutigen Sterbens präsentiert sich, nebst der Gesundheitsversorgung, in unseren Breitengraden auch die säkulare Kultur: Wie stirbt man in einer hochgradig individualisierten Gesellschaft, in der die Kirche ihre Deutungshoheit über unsere Lebensweise verloren hat? Wie stirbt man, wenn man sich zeitlebens kaum mit dem Tod auseinandergesetzt und damit ganz gut gelebt hat? Die aktuelle autobiografische Sterbeliteratur von Schriftsteller*innen der westlich-säkularen Welt – ein neues literarisches Genre, das ein bislang ungehörtes Repertoire an Sterbewissen zugänglich macht (s. Ein letztes Buch) – zeigt, dass sich hierzu am Ende des Lebens ein Sinnvakuum öffnet, nämlich die Kehrseite des sorglosen säkularen Lebens, eine Art spirituelle Verwahrlosung, die am Schluss quälend sein kann. Allenfalls lohnt es sich, sich den entsprechenden Fragen nicht erst am Lebensende zuzuwenden: Was möchten wir in unserem Leben ethisch geleistet haben, was für eine spirituelle Antwort geben wir auf unsere Sterblichkeit? Hadern wir, oder träumen wir davon, unser Leben friedlich aufzulösen? Die Beschäftigung mit solchen Fragen kann nicht nur das Lebensende, sondern auch die Gegenwart verändern. 

Im Sterben kulminiert das Leben. Man muss es nicht passiv und elendiglich erleben. Der gesellschaftliche Umgang mit Sterben und Tod verändert sich grade, das bietet Gestaltungsmöglichkeiten, die wir aktiv wahrnehmen können. 

Mehr zum Autorin Corina Caduff