Diese Webseite nutzt Cookies

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.

Etwas zurückgeben oder etwas weitergeben?

Von Dominic Lüthi

Wer nach dem Berufsleben eine freiwillige Aufgabe übernimmt, sagt häufig: «Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben.» Ich mag die Haltung hinter diesem Satz. Mit dem Bild hadere ich teilweise. Zurückgeben klingt nach Schlussabrechnung: Das Erwerbsleben ist beendet, das Konto wird geschlossen, und ein Teil des Erworbenen fliesst zurück.

Dabei geschieht etwas viel Spannenderes. Erfahrung wird nicht zurückgegeben. Sie wird weitergegeben und weiterentwickelt.

Alter, Erfahrung und Freiwilligenarbeit bilden deshalb für mich kein Dreieck des Rückzugs, sondern eines der Zukunft. Das Alter kann den Blick auf Zeit verändern. Unlängst ist bekannt geworden, dass in der Schweiz zum ersten Mal mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige leben. Laut den Zahlen des Bundesamts für Statistik sind auch die Geburtenzahlen weiterhin rückläufig. Erfahrung hilft, Muster zu erkennen, Folgen früher abzuschätzen und auch dann ruhig zu bleiben, wenn eine Situation zunächst neu erscheint. Freiwilliges Engagement wiederum schafft den Raum, dieses Wissen dort einzubringen, wo nicht Karriere oder persönlicher Gewinn im Zentrum stehen, sondern eine gemeinsame, sinnvolle Aufgabe.

Gerade bei Stiftungen passt dieses Dreieck besonders gut. Sie sind langfristig angelegt, einem Zweck verpflichtet und müssen oft mit begrenzten Mitteln eine möglichst grosse Wirkung erzielen. Menschen mit Berufs- und Lebenserfahrung können hier viel beitragen: strategische Orientierung, Netzwerke, Fachwissen und die Fähigkeit, Entwicklungen in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen.

Gute Foundation Governance lebt jedoch nicht von Erfahrung allein. Entscheidend ist, dass im Stiftungsrat unterschiedliche Kompetenzen, Generationen, Lebenswege und Sichtweisen zusammenkommen. Diese Vielfalt hilft, blinde Flecken zu erkennen, Interessen sorgfältig abzuwägen und bessere, ausgewogenere Entscheidungen zu treffen. Ein wirkungsvoller Stiftungsrat braucht deshalb sowohl erfahrene Persönlichkeiten als auch Menschen, die neue Fragen stellen und vermeintliche Gewissheiten hinterfragen – ich kenne das gut aus eigener Erfahrung.

Denn Lebensjahre allein sind noch kein Garant für Kompetenz. Erfahrung kann sich auch in Gewissheit verhärten. Wer nur erklärt, wie etwas schon immer funktioniert hat, macht aus Erfahrung einen Anker. Wertvoll wird sie dann, wenn sie ein Kompass bleibt: richtungsweisend, aber offen für neue Wege.

Ähnliches gilt für Verwaltungsratsmandate. Sie eignen sich auch (oder gerade besonders?) für Persönlichkeiten mit einer gewissen Seniorität und Reife. Ein Verwaltungsrat trifft sich in der Regel nur einige Male im Jahr und muss dennoch Entscheidungen von grosser Tragweite treffen. Im Zentrum stehen die strategische Ausrichtung, die langfristige Entwicklung und die nachhaltige Sicherung des Unternehmens. Dafür braucht es Menschen, die rasch zum Wesentlichen vordringen, Chancen und Risiken einordnen und ihre Erfahrung verantwortungsvoll in ein vielschichtig zusammengesetztes Gremium einbringen können.

In meiner Arbeit rund um die Besetzung von Verwaltungsrats- und Stiftungsratsmandaten begegne ich vielen Menschen, die nach einer erfolgreichen Berufslaufbahn etwas Neues und Sinnvolles bewirken möchten. Dabei zeigt sich immer wieder: Die stärksten Kandidatinnen und Kandidaten sind nicht zwingend jene mit den eindrucksvollsten (Muster-)Lebensläufen. Es sind eher jene, die ihre Erfahrung nicht als Deutungshoheit verstehen. Sie engagieren sich, sind integer, hören zu, stellen gute Fragen und sind bereit, auch von Menschen zu lernen, die deutlich jünger sind als sie selbst.

Ein strategisches Gremium wird nicht automatisch stark, weil an seinem Tisch viele Jahrzehnte Erfahrung versammelt sind. Entscheidend ist, ob sich die Kompetenzen ergänzen, unterschiedliche Generationen und Perspektiven ernst genommen werden und aus Wissen und Meinungsbildung tatsächlich gemeinsames Handeln entsteht; also Wegweisungen für die Geschäftsleitung.

Freiwilligkeit darf dabei nicht mit Unverbindlichkeit verwechselt werden. Auch ein ehrenamtliches oder weitgehend unentgeltliches Mandat ist mit Verantwortung verbunden: für den Stiftungszweck, die anvertrauten Mittel, die Einhaltung der aufsichtsrechtlichen Vorgaben sowie für die Menschen, die Umwelt und die Tiere, die auf die Arbeit der Stiftung angewiesen sind. Gute Absichten ersetzen deshalb weder klare Rollen und Verantwortlichkeiten noch eine sorgfältige Zusammensetzung des Gremiums oder eine Kultur, in der auch Widerspruch ausdrücklich erwünscht ist.

Vielleicht sollten wir also weniger fragen, was ältere Menschen der Gesellschaft zurückgeben können. Die spannendere Frage lautet: Was können wir gemeinsam aus und mit ihrer Erfahrung machen?

Dann wird Alter nicht zum Etikett, Erfahrung nicht zum Denkmal und Freiwilligenarbeit nicht zur Beschäftigung nach der Pensionierung. Aus allen drei entsteht etwas sehr Gegenwärtiges: sich zu engagieren und die Möglichkeit, Zukunft mitzugestalten.

Mehr zum Autor Dominic Lüthi