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Geteilte Sorgen, gemeinsame Verantwortung: Vom Konflikt zum Miteinander

Von Eleah Paetsch

Die Schweiz spricht gern über Generationenkonflikte. Oft heisst es, die einen hätten es «früher härter» gehabt, die anderen seien «bequemer» geworden. Das Sorgenbarometer zeigt zwar, dass sich Jung und Alt in ihren Prioritäten unterscheiden. Für viele Ältere stehen Themen wie die Altersvorsorge und Zuwanderung im Vordergrund, für Jüngere eher die Kaufkraft, steigende Mietpreise und generell Zukunftsaussichten. Gleichzeitig eint uns aber eine Sorge, die alle betrifft: die steigenden Gesundheitskosten. Oft habe ich den Eindruck, dass wir aneinander vorbeireden, als hätte jede Generation ihr eigenes Verständnis von Krisen. Die einen sprechen von «Belastung», die anderen von «Blockade», und beide fühlen sich missverstanden.  

Schaut man jedoch genauer hin, geht es bei all diesen Sorgen um dasselbe: um Sicherheit und Würde, heute und morgen. Wenn wir Generationenpolitik als Nullsummenspiel denken, verlieren am Ende beide Seiten. Wenn wir sie hingegen als gemeinsame Gestaltungsaufgabe begreifen, entsteht ein Raum, in dem Erfahrung und Veränderungswille sich ergänzen. Jede Generation steht auf den Schultern der vorherigen und prägt gleichzeitig die Bedingungen für jene, die nach ihr kommen. Diese gegenseitige Verantwortung rückt im Lärm der Debatten oft in den Hintergrund.  

Dieser gemeinsame Raum wird besonders dort sichtbar, wo Menschen freiwillig Verantwortung übernehmen. Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist in der Schweiz besonders stark ausgeprägt, sei es im Verein, in der Politik, in der Nachbarschaft oder in kulturellen und sozialen Projekten. Das Besondere an der Freiwilligenarbeit: Sie bringt verschiedene Generationen zusammen, nicht etwa auf oberflächliche Art und Weise, sondern ganz konkret - in Turnhallen, Sitzungszimmern und an Festbänken. Die pensionierte Kassierin führt die Vereinsrechnung, der junge Social-Media-Verantwortliche betreut den Online-Auftritt, der 18-jährige Trainer übernimmt Verantwortung für die Kinder, während deren Grosseltern im Vorstand sitzen. Freiwilligenarbeit schafft so etwas wie einen gelebten Generationenvertrag, der nicht mit Unterschriften, sondern mit Zeit geschrieben wird.  

Für mich persönlich ist dieses Miteinander sehr wichtig und nimmt einen wichtigen Teil in meinem Leben ein. Seit meinem 18. Lebensjahr pflege ich einen regelmässigen Briefwechsel mit einem Mann, der in einem Todestrakt in Florida sitzt. Während ich das Privileg habe, ein Studium zu absolvieren und einer Arbeit nachgehen darf, die mich mit Sinn und Freude erfüllt, bleibt sein Alltag von hohen Mauern und eintönigen Routinen geprägt. Gleichzeitig engagiere ich mich als freiwillige Deutschlehrerin in einem Bundesasylzentrum, wenn auch nur an jedem zweiten Wochenende. Während ich in stabilen Verhältnissen aufwachsen durfte, tragen die Jugendlichen im Unterricht oftmals bereits mehr Verantwortung, als es viele hierzulande je erleben werden. Auf dem Papier trennen mich, den Gefängnisinsassen und die geflüchteten Jugendliche Jahrzehnte, Kontinente und Biografien, doch in den Briefen und im Klassenzimmer verlieren Begriffe wie «jung» und «alt» jegliche Bedeutung. Entscheidend ist vielmehr, ob wir einander ernst nehmen – jenseits von Herkunft, Status oder Schuld.  

2026 ist das Internationale Jahr der Freiwilligen für nachhaltige Entwicklung, was für mich besonders gut in die aktuelle Zeit passt. Nachhaltigkeit meint nicht nur Klimaziele und Energiewende, sondern auch die Stabilität unserer sozialen Beziehungen. Wer sich freiwillig engagiert investiert in ein Netz, das Generationen trägt, wenn staatliche Strukturen und Märkte an Grenzen kommen. Freiwilligenarbeit ist damit ein Gegenentwurf zu einer Logik, in der sich jede Altersgruppe nur um die eigene Bilanz kümmert.  

Die Stärke generationenübergreifender Zusammenarbeit liegt für mich in einem Perspektivenwechsel: Statt zu fragen, wer «mehr geleistet» oder «mehr Anspruch» hat, könnten wir uns fragen, wie wir unsere unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen so verbinden, dass daraus gemeinsame Lösungen entstehen.  

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