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Je älter, umso skeptischer gegenüber der eigenen Meinung

Von Georg Iselin

Wie die meisten hier in der Schweiz erhalte ich täglich ganz viel neue Informationen. Zudem verfüge ich in meinem Alter über unzählige Erfahrungen und ein recht grosses, sogenanntes Wissen. Auf den ersten Blick eine ideale Grundlage und Voraussetzung zur – rationalen – Meinungsbildung. 

Nur: die Informationen, die mich erreichen, sind das Ergebnis einer höchst zufälligen Auswahl, sind in der Regel geprägt von einer, mir oft unbekannten Haltung der Verfasser*innen und sind in jedem Fall das Konstrukt aus ihrer Selektion und Wahrnehmung. Ebenso meine Erfahrungen und Kenntnisse; sie gründen auf meiner Sichtweise, meiner Auswahl und meinen subjektiven Bewertungen. Das Wissen, das ich mir angeeignet habe und worüber ich verfüge, ist in manchen Fällen überholt. Aus meiner heutigen Sicht sind das insgesamt recht zweifelhafte – und in allen Fällen sehr lückenhafte – Grundlagen für eine rationale Meinungsbildung. 

Meine Selektion und die angesetzten Wertmassstäbe ergeben sich aus meinen persönlichen Prägungen, Erfahrungen und meiner Sozialisierung. Und diese wiederum sind weder neutral noch vorwiegend rational, sondern in hohem Mass auch emotional. Was ich an Werten verinnerlicht habe, sind Werte, die zwar von manchen Menschen auch geteilt werden, die deswegen aber nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben. 

Früher habe ich mich für meine Meinung, meine Visionen und meine Bedürfnisse in der Zukunft eingesetzt. Ich habe mich – politisch und beruflich – für eine ökologische Zukunft engagiert. Damit übernahm ich auch ein kleines Stück Verantwortung und 'Mitschuld' dafür, was und wie es dann herauskam. Wer mitmacht, die Weichen zu stellen, geht immer ein Risiko ein. Denn es ist immer bloss eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich die Zukunft so einstellt, wie sie geplant wird und dass das, was geschieht, auch die erhoffte Wirkung erzielt. 

Heute nehme ich mich zunehmend zurück. Bei Abstimmungen, deren Folgen ich nicht mehr tragen werde, lege ich leer ein. Weil mir nach meinem Empfinden die Legitimation fehlt, noch Einfluss zu nehmen. Meinungsäusserungen, erst recht Empfehlungen oder Ratschläge werden deutlich seltener. Ich lasse mich führen von der Einsicht, dass es keinen vertretbaren Grund gibt davon auszugehen, andere Meinungen und Prioritäten hätten nicht ebenso viel Gewicht wie meine. Je nach Perspektive und den vertretenen Prioritäten sind andere Auffassungen angemessener, passender und zielführender.

Das wirkt sich auch in meiner Tätigkeit in der Beratung, Konfliktmoderation und Supervision aus. Mit meiner Begleitung möchte ich zwar etwas ermöglichen, aber nicht etwas Bestimmtes bewirken. Die Werte und Prioritäten der Klienten sollen wegleitend sein, nicht meine. 

Beruflich komme ich damit klar. Nicht ganz so einfach dünkt es mich als Mitglied der Zivilgesellschaft. Gebieten nicht meine persönliche Haltung und meine ethischen Grundwerte 'Farbe zu bekennen'? Ich bleib die Antwort schuldig.

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