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Nur noch zwei Hände…

Von Thomas Gächter

Ab 55 zählt man rückwärts!

Dieses Jahr bin ich 55 geworden. Eine an sich unverdächtige Zahl: kein rundes Jubiläum, keine Glückwunschkarten mit schwarzem Humor, keine direkten Fragen nach dem nächsten Lebensabschnitt. Und doch hat dieser Geburtstag etwas geschafft, was der Fünfzigste nicht vermochte: Ich kann das Erreichen des «Pensionsalters» neuerdings an den Fingern abzählen. Zwei Hände genügen. Zehn Finger, zehn Jahre – dann ist, mindestens offiziell, Schluss.

Als öffentlich-rechtlich angestellter Professor ist mein Verfallsdatum gesetzlich geregelt: 65, d.h. genau genommen das Semesterende nach Erreichen des 65 Altersjahrs. Der Gesetzgeber hat für mich entschieden, wann ich alt bin bzw. sein werde. Und weil er das getan hat, tue ich, was jeder Mensch mit einem fixen Endpunkt vor Augen tut: Ich zähle rückwärts. Man kann gar nicht anders. Noch zehn Sommer, noch zwanzig Semester, noch so und so viele Jahrgänge von Studierenden, die verdächtig jünger werden, während man selbst – nun ja.

Genau hier liegt das Problem. Nicht im Alter, sondern im Abzählen. Wer zählt, denkt in Restlaufzeiten. Und wer in Restlaufzeiten denkt, beginnt die Ressourcen einzuteilen: Lohnt sich dieses Forschungsprojekt noch? Diese Weiterbildung? Dieser Aufbruch? Das Perfide am Rentenalterdenken ist, dass es uns alt macht, lange bevor wir es sind. Das Altwerden fängt nicht mit 65 an, sondern in dem Moment, in dem wir anfangen, auf die 65 hinzuleben. Der Countdown schneidet Perspektiven ab wie eine Heckenschere – nicht böswillig, aber gründlich.

Und ich zähle ja nicht allein. Das Umfeld zählt fleissig mit. Ab einem gewissen Alter wird man in vielen Organisationen – zum Glück etwas weniger an Universitäten! – anders behandelt. Man wird, Jahre vor dem eigentlichen Termin, in einen sanften Sinkflug geschickt. Der Landeanflug beginnt mit 55, die Landebahn kommt erst mit 65. Zehn Jahre Gleitflug: Das ist nicht Würde, das ist Verschwendung – in den allermeisten Fällen jedenfalls.

Es ist zudem eine Verschwendung, die wir uns immer weniger leisten können. In einer Zeit, in der händeringend Fachkräfte gesucht werden und die Lebenserwartung weiter ansteigt, schicken wir Menschen auf dem Höhepunkt ihrer Erfahrung, ihres Urteilsvermögens und ihrer Gelassenheit in den beruflichen Leerlauf – nur weil eine Zahl im Gesetz steht.  

Wir sollten aufhören, in Restlaufzeiten zu denken, und anfangen, in Potentialen zu rechnen. Nicht: Was bleibt noch? Sondern: Was ist noch alles möglich – vielleicht gerade jetzt, mit allem, was sich angesammelt hat?

Zehn Jahre sind schliesslich keine Frist, sondern ein Zeitraum. Man kann in zehn Jahren ein Fach neu denken, ein Buch schreiben, ein zweites Standbein bauen oder sich gleich ganz neu erfinden. Zwei Hände, zehn Finger: Man kann mit ihnen rückwärtszählen. Oder man kann mit ihnen etwas anpacken. Ich habe mich entschieden – und zähle ab sofort höchstens noch die Möglichkeiten. Dafür allerdings, so hoffe ich wenigstens, werden zwei Hände nicht reichen. Und auch zehn Jahre nicht! 

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