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Trotzdem nicht die Zuversicht verlieren

Von Werner Luginbühl

Die Menschheit im wohlstandsverwöhnten Westeuropa musste sich in den letzten Jahren immer wieder erstaunt die Augen reiben. Nach einer langen seuchenfreien Zeit galt es plötzlich eine Pandemie von beträchtlichem Ausmass zu bewältigen. Nachdem man lange geglaubt hatte, grosse Kriege in Europa seien nicht mehr möglich, erschütterte uns der kaum als denkbar erachtete russische Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierende Energiekrise. Rasch keimte nach diesen beiden Ereignissen die Hoffnung, der Tiefpunkt sei nun erreicht.

Heute wissen wir, dass dies nicht der Fall ist. Der Krieg gegen die Ukraine dauert an, im Nahen Osten sind neue Kriege dazu gekommen. Irrlichternde Präsidenten in gleich mehreren grossen und wichtigen Nationen, die Krise der Demokratien, die zunehmende Erderwärmung und ihre Auswirkungen, die Bedrohung von Arbeitsplätzen durch KI usw., usw. Die Aufzählung könnte beliebig weitergeführt werden. Es erstaunt nicht, dass sich in diesem Umfeld Sorge, Angst, ja Resignation ausbreiten. Der Mensch sehnt sich im Grundsatz nach Beständigkeit, nach Übersichtlichkeit, nach Ruhe und Frieden. Wir wünschen uns nichts sehnlicher als die verlorene Stabilität zurück.

Blicken wir allerdings auf die Geschichte der Menschheit zurück, sind lange Perioden der Stabilität und des Friedens nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Wir müssen daher wohl zur Kenntnis nehmen, dass wir uns gar nicht im Ausnahmezustand befinden, sondern vielmehr zu einer Realität zurückgekehrt sind, welche die Menschheit seit jeher begleitet hat. 

Es wäre daher klug, sich zu überlegen, wie mit der neuen (alten) Normalität umzugehen ist. Unsere Generation hatte das Privileg, in einer in der Geschichte wohl fast einmaligen Zeit der Stabilität zu leben. Nachdem dies geändert hat, sollten wir uns nicht einfach zurücklehnen und hoffen, dass uns die Auswirkungen der wieder krisenintensiven Welt nicht mehr betreffen. Zwar hat unsere Generation einen wesentlichen Beitrag zum heutigen Wohlstand geleistet. Dies könnte uns verleiten, uns ausschliesslich auf den Genuss des «wohlverdienten Ruhestandes» zu fokussieren.  

Allerdings übertragen wir den nächsten Generationen auch beträchtliche Lasten. Insofern ist es durchaus angebracht, auch im dritten Lebensabschnitt Verantwortung zu übernehmen. Dies, indem wir im Rahmen unserer Möglichkeiten weiter zu einer gedeihlichen Entwicklung der Gesellschaft beitragen. Das heisst nicht, dass wir die neuen Freiheiten des Alters nicht nutzen und geniessen sollten. Es bedingt aber, dass wir uns ab und zu aus der Komfortzone heraus begeben, dass wir uns engagieren, exponieren, relativieren und einbringen.  

Es bedingt, dass wir selber nicht in Pessimismus verfallen, sondern uns mit einer gewissen (für das Alter typischen) Gelassenheit, mit der neuen Realität arrangieren. Dass wir versuchen auch jüngeren Generationen Optimismus zu vermitteln. Dass wir uns und anderen -ohne Besserwisserisch zu wirken- den Wert von Demokratie und Freiheit vor Augen führen. Dass wir aufzeigen, dass Freiheit in engem Konnex zu Sicherheit steht und dass Sicherheit etwas kostet. Dass wir daran erinnern, dass der Kleinstaat zwingend auf internationale Zusammenarbeit angewiesen ist. Und zuletzt, dass wir mit unserem Engagement (z.B. im Bereich der freiwilligen Arbeit) auch beweisen, dass wir gemeinsam und solidarisch an einer positiven Zukunft arbeiten.

Auch wenn das heutige Umfeld bedrohlich ist, wäre es falsch, in Pessimismus und Resignation zu verfallen. Die Menschheit hat schon viele Krisen bewältigt und ist oft gestärkt aus ihnen hervorgegangen. Krisen sind nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen für Veränderung und Fortschritt. Deshalb gibt es aus meiner Sicht gute Gründe, Hoffnung und Zuversicht zu bewahren.  

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