Martin Candinas - Freiwilliges Engagement – der Kitt unserer Gesellschaft
Von Martin Candinas
Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Allgemein anerkannte Regeln, starke Institutionen, eine funktionierende Wirtschaft und ein unterstützender Staat sind wichtig. Doch mindestens ebenso entscheidend sind Menschen, die bereit sind, freiwillig Verantwortung für unsere Gesellschaft zu übernehmen. Mit Herzblut und oft ganz ohne öffentliche Aufmerksamkeit.
Beim Eidgenössischen Schützenfest 2026 in Graubünden durfte ich dies hautnah erleben. Als OK-Präsident war ich beeindruckt, wie viele Menschen ihre Zeit, ihre Fähigkeiten und ihre Energie für ein gemeinsames Ziel eingesetzt haben. Ohne die unzähligen Helferinnen und Helfer wäre ein Fest dieser Grössenordnung nicht möglich gewesen. Was bleibt, sind nicht nur sportliche Resultate, sondern Begegnungen, Freundschaften und das Gefühl, gemeinsam etwas geschaffen zu haben.
Ähnliches erlebe ich als Präsident der Stiftung der Päpstlichen Schweizergarde. Wir setzen uns dafür ein, die Lebensbedingungen der Gardisten zu verbessern und ihre Ausbildung und Entwicklung zu unterstützen. Auch hier sind es Menschen, die sich mit Erfahrung, Kontakten, Ideen und finanziellen Beiträgen einbringen und den Unterschied machen. Freiwilliges Engagement hat viele Gesichter. Nicht alle stehen im Rampenlicht und gerade das macht seinen Wert aus.
Besonders am Herzen liegt mir dabei das Zusammenspiel der Generationen. Wer über Jahrzehnte berufliche und persönliche Erfahrungen gesammelt hat, verfügt über einen Schatz, der mit der Pensionierung nicht verloren gehen darf. Erfahrungswissen ist mehr als Fachwissen: Es umfasst Urteilsvermögen, Gelassenheit, ein Netzwerk und die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen Lösungen zu finden. Organisationen wie Innovage zeigen, wie dieses Wissen gemeinnützigen Projekten zugutekommen kann.
Gleichzeitig braucht es die Ideen, die Energie und den kritischen Blick der jüngeren Generation. Freiwilligenarbeit gelingt besonders dann, wenn Jung und Alt nicht nebeneinander, sondern miteinander anpacken. Erfahrung soll Neues ermöglichen, nicht verhindern. Und wer Verantwortung übergibt, schenkt anderen auch Vertrauen.
Natürlich ist Engagement nicht grenzenlos verfügbar. Wer Freiwillige gewinnen will, muss ihre Zeit und Grenzen respektieren, Aufgaben sinnvoll gestalten und Wertschätzung nicht nur in Sonntagsreden ausdrücken. Ein Dankeschön, echtes Mitmachen und Freude an der gemeinsamen Sache sind oft wichtiger als grosse Worte.
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Freiwilligen für nachhaltige Entwicklung erklärt. Das ist ein guter Anlass, genauer hinzuschauen. Denn eine solidarische Gesellschaft entsteht nicht allein durch politische Beschlüsse. Sie wächst dort, wo Menschen füreinander einstehen – im Verein, in der Gemeinde, bei einem Grossanlass oder in einer Stiftung.
Meine Erfahrung ist einfach: Wer sich freiwillig engagiert, gibt nicht nur etwas. Er bekommt auch viel zurück: Begegnungen, Sinn, Vertrauen und das gute Gefühl, gemeinsam etwas bewegt zu haben. Genau davon lebt unsere Schweiz.
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