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Wir altern so, wie wir es von uns erwarten

Von Elisabeth Michel-Alder

Erstaunlich, wie wenig die steigende Lebenserwartung unsere Lebensentwürfe verändert! Die grosse Mehrheit der Bevölkerung stolpert nach 60 in jahrzehntelange Konsum- und Freizeit hinein. Wirkmächtige Erwartungen prägen die Gestaltung des Alterns. Aktuell sind hierzulande 23% der Männer und 15% der Frauen in der Altersgruppe 65–74 erwerbstätig. Rund doppelt so viele möchten es gemäß Befragungen sein. Doch diese Bereitschaft ist in der Bevölkerung ganz unterschiedlich verteilt. Das hat viel mehr mit sozialen Bezugssystemen, beruflichem Selbstverständnis (Berufung!) und Erwartungen der Personen an sich selbst zu tun als mit autonomen persönlichen Entscheidungen. 
Kulturschaffende und Freiberufliche haben eh und je keinen Grund, den Fluss ihrer Schaffenskraft zu stoppen. Niemand hat Pablo Picasso den Pinsel aus der Hand genommen. Erfahrenen Handwerker*innen geht es ähnlich, ihr Können ist – oft im Familienbetrieb – gefragt. Die Bauern sind im Alter laut Statistik die berufstreueste Gruppe der Bevölkerung. Dörfliche Gemeinschaften – vor allem abgelegene - mobilisieren ältere Mitglieder seit Jahrhunderten für gesellschaftliche oder politische Aufgaben. Wenn ü70 die Kirchenorgel spielen oder ein Atelier für einheimische Textilarbeiten führen, leuchtet ein, dass der überschaubare Sozialraum, in dem jeder jeden kennt, fürs Verknüpfen von Können/ Zeit einerseits und Bedürfnissen anderseits beste Voraussetzungen bietet. Im Dorf, im Verband oder in Kirchgemeinden kommen Kapazität/ Kompetenz von Personen verlässlich mit Arbeit auf einen Nenner. Und die Erwartung, dass alle, die funktionieren, einen Beitrag ans Ganze leisten ist intakt.
Langjährige Angestellte in grossen öffentlichen wie privaten Organisationen dagegen haben die Ruhestandsgrenze klar im Kopf eingraviert; ihre Umgebung bestärkt sie systematisch im Gefühl eines Sinkflugs im letzten Berufswegdrittel. Entwicklungschancen fehlen – wobei grosse Branchenunterschiede auffallen. Im Finanzsektor gehört es zum guten Ton, früh auszusteigen; Kaderleute grüssen später als Weinbauern oder Hoteliers. In der öffentlichen Verwaltung - mit langen Verweildauern in spezialisierten Funktionen – haben viele „es“ schon vor 65 gesehen.

Was hält Ältere in beruflicher Arbeit?
In unserem Forschungsprojekt „ältertätig“ wollten wir von unterschiedlichsten Frauen und Männern ü70 erfahren, was sie von langem, tätigem Engagement (auch ehrenamtlichem) haben. Methodisch arbeiteten wir mit narrativen Interviews, liessen frisch von der Leber weg erzählen. Wir wollten neue Entwicklungen entdecken und wurden nicht enttäuscht. 
Zentral und unverzichtbar ist die stimmige Tätigkeit; sie sichert Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Resonanz. Wer fitte geeignete Ältere deutlich über 60 hinaus beschäftigen will, muss sinnstiftende Jobs mit Handlungsspielraum ausschreiben.
Die seit längerem geführte Debatte um gesunde physische und geistige Langlebigkeit tritt in den Forschungsergebnissen deutlich zutage: Arbeit als Selbstoptimierung. Häufig erleben die Befragten von sich selbst als wichtigste Profiteure, denn sie trainieren ihre Kompetenz, meistern Talentproben, lernen Neues, erfahren Bedeutung, schützen sich vor geistigem Abbau und gewinnen Halt in fixen Zeitstrukturen. 
Wie erwartet erzählen die Tätigen oft von Beziehungsgeflechten und Zugehörigkeiten dank ihres Engagements: Gemeinsam mit anderen Menschen Ziele erreichen, Austausch, Zuwendung, Freundschaft. Vor allem für alleinlebende Ältere sind Arbeitskolleg*innen hoch geschätzte Bezugspersonen. 
Im engeren beruflichen Umfeld, aber auch in grösseren Zusammenhängen erfahren wache Ältertätige erwünschte Wirksamkeit. Etwa als Wissenschafter oder Aktivistin gegen Übergriffe von Hierarchen auf junge Frauen. 
Geld spielt als Antrieb eine Nebenrolle. Auch wer nicht auf Rosen gebettet ist, arbeitet bislang nur, wenn die Tätigkeit Freude macht. Sehr viele ü70 sind gleichzeitig ehrenamtlich und gegen Honorar tätig. Im letzteren Fall muss die Entschädigung fair sein, dem Verdienst der jüngeren Kolleg*innen rechts und links entsprechend – ausser man kann verhandeln, dann sind die Älteren gern großzügig.

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